Organspende & Transplantation

Xenotransplantation
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Xenotransplantation - Chancen, Risiken und Alternativen

von Edgar Dahl
Centre for Human Bioethics
Monash University Melbourne
Clayton, Victoria 3168
Australia

Die Organtransplantation ist heute ein etabliertes Behandlungsverfahren der Medizin. Allein in Deutschland sind rund 50 Kliniken an der Transplantation von Organen beteiligt. 1997 wurden in der Bundesrepublik beispielsweise 3 839 Organverpflanzungen vorgenommen. Davon waren 2 249 Nieren-, 762 Leber-, 562 Herz-, 120 Lungen- und 146 Pankreas- Übertragungen. Die Erfolgsrate der verschiedenen Organtransplantationen liegt inzwischen bei 75 bis 90 Prozent.

Unglücklicherweise kann das enorme Potential der Transplantationsmedizin jedoch kaum ausgeschöpft werden. In allen Ländern, in denen Transplantationszentren existieren, gibt es eine Kluft zwischen dem Angebot und der Nachfrage an Organen. Wie Statistiken aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland zeigen, kann der ständig wachsende Bedarf an menschlichen Spenderorganen einfach nicht gedeckt werden. 1997 warteten in der Bundesrepublik beispielsweise 10 795 Patienten auf eine Niere, doch nur 2 249 konnten tatsächlich ein Transplantat erhalten. Während Nierenkranke mit Hilfe der Dialyse solange am Leben gehalten werden können, bis ein Spenderorgan verfügbar wird, ist die Situation von Patienten, die auf ein Herz warten, kritischer. Da die derzeit existierenden "künstlichen Herzen" problematisch und kostspielig sind, können nur wenige, ausgewählte Patienten mit ihnen gerettet werden. Statistiken zeigen, dass etwa ein Drittel aller Patienten, die auf der Warteliste für ein Herz stehen, sterben, bevor ein geeignetes Transplantat gefunden werden kann. Noch kritischer ist die Situation von Patienten, die auf eine Leber warten. Da es keine extrakorporalen Hilfsmittel gibt, besteht für Patienten im Leberkoma, wenn sie nicht innerhalb kurzer Zeit ein Spenderorgan erhalten, überhaupt keine Hoffnung.

Dieser Mangel an menschlichen Spenderorganen hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren das Interesse an der sogenannten "Xenotransplantation" gewachsen ist. Xenotransplantationen sind Organübertragungen von Tier zu Mensch. Die Idee, Organe von Tieren zu verpflanzen, ist nicht neu. Xenotransplantationen reichen etwa bis zur Jahrhundertwende zurück: 1905 pflanzte Princeteau in Paris einem an Urämie leidenden Mädchen Teile von Kaninchennieren ein. 1910 übertrug Unger in Berlin die Niere eines Rhesusaffen. 1923 transplantierte Neuhof in New York die Niere eines Schafs. 1963 verpflanzte Keith Reemtsma in New Orleans die Nieren von Schimpansen. 1984 übertrug Leonard L. Bailey in Riverside das Herz eines Pavians. Und 1992 und 1993 verpflanzte Thomas E. Starzl in Pittsburgh jeweils die Lebern von Pavianen. Keine dieser Operationen war erfolgreich. Die Patienten verstarben zumeist schon nach wenigen Tagen, spätestens aber nach einigen Monaten.

Dass die bisherigen Xenotransplantationen scheiterten, hat im wesentlichen zwei Ursachen. Die erste ist immunologischer Natur: Bei allen Transplantationen kommt es zu einer Abwehrreaktion durch das Immunsystem. Der Körper erkennt das transplantierte Organ als "fremd" und greift es an. Bei Allotransplantationen, also den herkömmlichen Organverpflanzungen von einem Menschen auf einen anderen, lässt sich diese Reaktion mit Hilfe von Immunsuppressiva, wie zum Beispiel Ciclosporin, erfolgreich unterdrücken. Bei Xenotransplantationen kommt es jedoch zu einer ungleich aggressiveren Form der Immunabwehr, die sich mit den gegenwärtig verfügbaren Immunsuppressiva nicht kontrollieren lässt.

Die zweite Ursache ist anatomisch-physiologischer Natur: Für eine erfolgreiche Transplantation ist es wesentlich, dass die Organe der Tiere sowohl in ihrem Aufbau als auch in ihrer Funktionsweise denen der Menschen gleichen. Ein ausgewachsener Pavian wiegt nur etwa 25 Kilogramm, also nicht einmal halb soviel wie ein durchschnittlicher Mensch. Dementsprechend sind auch seine Organe kleiner. Ein Pavianherz ist daher beispielsweise einfach zu schwach, um Blut durch den Körper eines erwachsenen Menschen pumpen zu können. Wenn überhaupt, dann kommen Pavianherzen also nur als Transplantate für Kinder in Betracht. Neben der Größe der Organe kommt es jedoch auch auf die Funktionsweise an. Das Herz hat eine relativ simple Funktion. Andere Organe, insbesondere die Leber, erfüllen jedoch sehr komplexe biochemische Funktionen, die möglicherweise artspezifisch sind. Es ist nach wie vor unklar, ob die Leber eines Pavians überhaupt die Funktionen einer menschlichen Leber übernehmen kann.

Unter immunologischen Aspekten wären Menschenaffen, also Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans, sicher die am besten geeigneten Tiere für die Xenotransplantation. Schimpansen und Menschen teilen sich etwa 98 Prozent ihres Erbguts. Da die enge genetische Verwandtschaft mit einer großen immunologischen Übereinstimmung einhergeht, ist es denkbar, dass das Problem der Organabstoßung bereits mit der Entwicklung effektiverer Immunsuppressiva gelöst werden könnte. Menschenaffen sind jedoch vom Aussterben bedroht und kommen von daher nicht in Betracht. Paviane kommen zwar noch in großer Zahl vor, doch abgesehen von den genannten anatomisch-physiologischen Problemen ist es fraglich, ob sich der enorme Bedarf an Organen tatsächlich mit ihnen decken ließe. Wie alle Primaten pflanzen sich Paviane nur sehr langsam fort. Ein Weibchen hat nur etwa alle 15 Monate ein Junges. Da man schätzt, dass allein in den USA jedes Jahr rund 120 000 Organe benötigt werden, ist es unwahrscheinlich, dass überhaupt genügend Paviane gezüchtet werden könnten.

Als eine Alternative zu Primaten sind daher Schweine vorgeschlagen worden. Schweine bieten in der Tat viele Vorteile: Sie lassen sich problemlos züchten, werden bereits mit sechs Monaten geschlechtsreif und werfen nach nur viermonatiger Trächtigkeit durchschnittlich acht Junge. Angesichts dieser Reproduktionsrate ließen sich mit Schweinen tatsächlich genügend Organe produzieren, um den Bedarf zu decken. Wichtiger noch ist, dass die Anatomie und Physiologie ihrer Organe eine überraschend große Ähnlichkeit mit der der Menschen aufweist.

Schweine zur Transplantation zu verwenden, wirft jedoch ein anderes Problem auf: Die Organe von Schweinen werden vom menschlichen Immunsystem weit heftiger attackiert als die von Affen. Der Grund dafür ist die unterschiedliche zoologische Verwandtschaft. Während Affen, stammesgeschichtlich gesehen, nahe mit Menschen verwandt sind, sind Schweine nur entfernt mit Menschen verwandt. In der Transplantationsmedizin wird daher auch zwischen "konkordanten" und "diskordanten" Xenotransplantationen unterschieden: Die Verpflanzung von Organen zwischen phylogenetisch nahe verwandten Spezies, wie etwa Schimpansen und Menschen, ist eine konkordante, die zwischen phylogenetisch entfernt verwandten Spezies, wie Schweinen und Menschen, ist eine diskordante Xenotransplanta-tion.

Bei diskordanten Xenotransplantationen kommt es zu der aggressivsten Immunreaktion überhaupt - der sogenannten "hyperakuten Rejektion", bei der das transplantierte Organ innerhalb weniger Minuten irreversibel zerstört werden kann. Die hyperakute Rejektion wird durch Antikörper ausgelöst, die darauf spezialisiert sind, Antigene fremder Organismen zu erkennen. Sobald diese Antikörper Antigene artfremden Gewebes erkennen, werden Proteine des sogenannten "Komplementsystems" aktiviert, die das transplantierte Organ angreifen und zerstören.

Um das Problem der hyperakuten Rejektion zu lösen, werden eine Vielzahl von Strategien verfolgt. Die aussichtsreichste dieser Strategien ist die Produktion "transgener" Schweine, also die Erzeugung von Schweinen, in deren Erbgut man menschliche Gene eingeschleust hat. So haben die Biotech Companys "Imutran" in Cambridge und "Nextran" in Princeton beispielsweise Schweine mit menschlichen "Komplementregulatoren" produziert: Diese Schweine besitzen die speziesspezifischen Proteine "DAF", "MCP" und "CD59", die das menschliche Komplementsystem kontrollieren. Wie verschiedene Experimente an nicht menschlichen Primaten gezeigt haben, sind die Organe dieser transgenen Schweine tatsächlich gegenüber der hyperakuten Rejektion gefeit.

Eine gentechnologische Strategie zur Überwindung der hyperakuten Rejektion zu entwickeln, wäre ohne Zweifel ein bedeutender Schritt auf dem Wege zur klinischen Anwendung der Xenotransplantation. Doch neben der hyperakuten Rejektion werden noch andere immunologische Barrieren zu überwinden sein. Da alle bisherigen Xenotransplantationen bereits an der hyperakuten Rejektion scheiterten, weiß man bislang wenig darüber, wie sich die später auftretenden Abstoßungsreaktionen der "akuten vaskulären Rejektion", der "T-zellvermittelten Rejektion" und der "chronischen Rejektion" auswirken werden. Gegenwärtig hofft man einfach darauf, dass die rasanten Fortschritte auf den Gebieten der Gentechnologie und der Immunpharmakologie auch für diese Probleme eine Lösung bringen werden.

Neben den immunologischen Problemen wirft die Xenotransplantation jedoch auch virologische Probleme auf. So besteht etwa die Gefahr, dass mit den Organen der Schweine möglicherweise auch Mikroorganismen übertragen werden, die bei den Organempfängern (und eventuell sogar der Gesamtbevölkerung) letale Infektionen hervorrufen. Diese Befürchtung erscheint um so realistischer, als die Patienten, die ein Xenotransplantat erhalten, mit Immunsuppressiva behandelt werden müssen, die ihr körpereigenes Abwehrsystem schwächen und sie für Infektionskrankheiten anfälliger machen.

Dass es sich bei der möglichen Übertragung von Viren tatsächlich um ein ernstzunehmendes Problem handelt, haben sowohl der Ebola-Outbreak als auch das Marburg-Fieber gezeigt. Ein anderes Beispiel bietet das Herpes B Virus: Während es in seinem natürlichen Wirt, den Makaken, lediglich eine Konjunktivitis hervorruft, verursacht es bei Menschen eine rasch zum Tode führende Enzephalomyelitis. Noch bedrohlicher als das Ebola- oder das Herpes B-Virus sind Retroviren wie das Aids verursachende HIV-Virus: Da es bis zu zehn Jahre dauern kann, bis sich die Symptome manifestieren, ist es denkbar, dass sich eine Infektionskrankheit ausbreitet, die erst entdeckt wird, nachdem es bereits zu einer Pandemie gekommen ist.

Die Tatsache, dass nicht menschliche Primaten zahlreiche Viren beherbergen, die nachweislich Infektionskrankheiten bei Menschen hervorrufen können, ist ein weiterer Grund dafür, dass man statt Affen Schweine für die Xenotransplantation ins Auge gefasst hat. Doch ist die Verwendung von Schweinen tatsächlich sicherer als die von Affen? Zuweilen heißt es, dass Menschen nun schon seit Jahrtausenden Schweine züchten und daher gegen etwaige Krankheitserreger dieser Tiere immun sein sollten. Doch dieser Hinweis übersieht, dass zwischen dem bloßen Kontakt mit Schweinen und der Transplantation eines ihrer Organe ein bedeutender Unterschied besteht. Dieser Unterschied lässt sich leicht an einem Beispiel verdeutlichen: Katzen tragen ein Virus für die feline Leukämie. Hunde, die in engem Kontakt mit Katzen leben, infizieren sich mit diesem Virus nicht. Doch wenn man junge Hunde immunsupprimiert und ihnen infiziertes Gewebe transplantiert, entwickeln sie Tumoren.

Dass die Verwendung von Schweinen zur Xenotransplantation tatsächlich Risiken in sich birgt, ist 1997 deutlich geworden, als gezeigt werden konnte, dass Schweine zwei Typen "porkiner endogener Retroviren" (PERV's) beherbergen, die - zumindest in vitro - menschliche Zellen infizieren können. Endogene Retroviren sind Viren, die sich im Laufe der Evolution dauerhaft in das Genom einer Spezies einnisten konnten und nun von Generation zu Generation weitergegeben werden. Obwohl die meisten endogenen Retroviren harmlos sind und durch zahlreiche Mutationen ihre Fähigkeit zur Replikation eingebüßt haben, erweisen sich einige als "xenotropisch", d. h., sie können sich in einer anderen Spezies durchaus replizieren. Wie schon angedeutet, gilt dies auch für die endogenen Retroviren der Schweine. Da sie zudem in allen bislang untersuchten Gewebearten (einschließlich Herz-, Nieren-, Lungen- und Leberzellen) identifiziert wurden, muss man davon ausgehen, dass alle Patienten, die ein Transplantat von Schweinen erhalten, den PERV's ausgesetzt sein werden.

Wie erwähnt, handelte es sich bei den bisherigen Studien zum Infektionsrisiko lediglich um Experimente im Labor. Dass die porkinen endogenen Retroviren menschliche Zellen in vitro infizieren können, heißt jedoch nicht, dass sie es auch in vivo können. Mehr noch: Dass die PERV's infektiös sind, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch pathogen sind. Es könnte durchaus sein, dass sich die PERV's zwar im menschlichen Körper replizieren können, aber keinerlei Erkrankungen hervorrufen. Angesichts dieser Ungewissheit, haben verschiedene Institute, darunter das Center for Disease Control in Atlanta, inzwischen Patienten untersucht, denen in den vergangenen Jahren Zellen von Schweinen implantiert worden sind. Die ersten Ergebnisse, die im Sommer 1998 veröffentlicht wurden, sind beruhigend: Weder Patienten, die Nervenzellen zur Behandlung vom Parkinson-Syndrom, noch Patienten, die Pankreaszellen zur Behandlung von Diabetes erhielten, zeigten irgendwelche Anzeichen einer viralen Infektion.

Da diese Ergebnisse auf klinischen Versuchen beruhen, in denen lediglich Zellen herkömmlicher Schweine, nicht aber ganze Organe transgener Schweine transplantiert worden sind, ist es sicher zu früh, irgendwelche weitreichenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Um das Risiko sogenannter "Xenozoonosen", also Krankheiten, die von Tier auf Mensch übertragen werden, abzuschätzen, sind offensichtlich weitere klinische Versuche notwendig. Nichtsdestotrotz zeigen die ersten Ergebnisse, dass die von den porkinen endogenen Retroviren ausgehende Infektionsgefahr nicht so groß ist, wie zunächst befürchtet. Um keine unnötigen Risiken einzugehen, arbeitet man jedoch daran, die PERV's mit Hilfe eines gentechnologischen "Knock-out"-Verfahrens kurzerhand aus dem Genom der Schweine zu eliminieren.

Wie dargestellt, wirft die Xenotransplantation also noch zahlreiche medizinische Probleme auf. Es ist daher auch unmöglich zu sagen, ob und, wenn ja, wann die Xenotransplantation in die Klinik gelangen wird. Durchaus absehbar sind dagegen die Chancen, die sie bietet. Der größte und bedeutendste Vorteil der Xenotransplantation ist selbstverständlich der, dass sich mit ihrer Hilfe der ständig wachsende Bedarf an transplantierbaren Organen decken ließe. Hiervon würden nicht nur all diejenigen Patienten profitieren, die vergeblich auf der Warteliste für ein Organ stehen, sondern auch die, die es gar nicht auf die Warteliste geschafft haben. Gegenwärtig müssen Patienten relativ strenge Kriterien erfüllen, um auf die Warteliste für eine Organtransplantation aufgenommen zu werden. Vorsichtigen Schätzungen zufolge ist die Zahl der Patienten, die für eine Herztransplantation in Frage kommen, beispielsweise fünfmal so groß wie die Zahl derer, die auf der Warteliste stehen. Wenn genügend Organe zur Verfügung stehen, könnte man daher statt wenigen ausgewählten, buchstäblich allen Patienten eine Transplantation anbieten.

Ein anderer Vorteil der Xenotransplantation ist, dass sie den gesamten Charakter der Transplantationsmedizin verändern könnte. Gegenwärtig sind Organtransplantationen gewissermaßen noch "Notfall-Operationen", da sie ohne große Vorbereitung und innerhalb kürzester Frist durchgeführt werden müssen. Die Xenotransplantation würde es erstmals gestatten, Organe dann zu verpflanzen, sobald die Patienten sie benötigen, und nicht erst dann, wenn sie zufällig verfügbar werden. Diese ständige Verfügbarkeit von Organen würde es zudem erlauben, die Patienten immunologisch gezielt auf ihr Transplantat vorzubereiten.

Ein weiterer Vorteil der Xenotransplantation ist, dass sie die sogenannte "Lebendspende" überflüssig machen würde. Aufgrund des drückenden Mangels an Organen haben sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr Menschen dazu entschlossen, erkrankten Familienangehörigen oder Freunden eine ihrer Nieren oder Teile ihrer Leber, Milz oder Lungen zu spenden. In Deutschland hat sich die Zahl der Lebendspender für eine Niere beispielsweise von 129 im Jahr 1996 auf 297 im Jahr 1997 mehr als verdoppelt. So erfreulich es auch ist, dass viele Menschen zu einem derartigen Opfer bereit sind, bleibt es doch mehr als bedauerlich, dass der Mangel an Organen sie dazu zwingt, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Und schließlich bietet die Xenotransplantation noch die Chance, dem illegalen Handel mit Organen ein Ende zu setzen. Um nur eines von vielen Beispielen herauszugreifen: Aus China ist bekannt, dass jedes Jahr rund 2 000 bis 3 000 Organe von hingerichteten Häftlingen ins Ausland verkauft werden. Für eine Niere werden 20 000, für eine Leber werden 40 000 US-Dollar verlangt. Aktivisten von Amnestie International behaupten, dass das florierende Geschäft mit den Organen die chinesische Regierung dazu veranlasst habe, immer mehr Verbrechen mit dem Tod zu bestrafen. Wenn genügend Organe vorhanden sind, werden zwielichtige Transaktionen wie diese hoffentlich der Vergangenheit angehören.

Nachdem die Chancen und Risiken der Xenotransplantation dargestellt worden sind, bleibt noch die Frage nach den Alternativen: Gibt es irgendeine andere moralisch akzeptable Möglichkeit, die Lücke zwischen dem Angebot und der Nachfrage an Organen zu schließen? Eine häufig vorgeschlagene Möglichkeit ist die Präventivmedizin. Man könnte durch eine bessere Gesundheitsvorsorge versuchen, einfach den Bedarf an Organen zu senken. Eine der Hauptursachen für das Leberversagen ist beispielsweise der Alkoholmissbrauch. Wenn man die Bevölkerung durch gezielte Aufklärung und hinreichende Information dazu bewegen könnte, ihren Alkoholkonsum in entsprechender Weise einzuschränken, würden die Indikationen für eine Lebertransplantation sinken. Dennoch: Die kausale Verbindung zwischen Krankheit und Lebensweise ist nur selten so klar wie im Falle der Leberzirrhose und dem exzessiven Alkoholgenus. Die meisten Krankheiten, für die eine Organtransplantation indiziert ist, haben nur wenig mit der Lebensweise zu tun und lassen sich daher kaum durch präventive Maßnahmen beseitigen.

Weitaus aussichtsreicher als die Gesundheitsvorsorge wäre eine Gesetzesänderung. Nach der derzeit in Deutschland geltenden Gesetzgebung dürfen einem hirntoten Menschen nur dann Organe entnommen werden, wenn er zu Lebzeiten in die Entnahme eingewilligt hat. Für den Fall, dass weder eine schriftliche Einwilligung noch ein schriftlicher Widerspruch vorliegen, müssen die nächsten Angehörigen - unter Beachtung des "mutmaßlichen Willens" des Verstorbenen - über die Organentnahme entscheiden. Diese "erweiterte Zustimmungslösung" gilt jedoch nicht überall. Einige europäische Länder, wie zum Beispiel Österreich, Spanien und Belgien, haben ein Gesetz verabschiedet, nach dem grundsätzlich alle Hirntoten als Organspender betrachtet werden - es sei denn, sie haben dieser Regelung zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. Schätzungen zufolge hat die Einführung dieser "Widerspruchslösung" in Belgien beispielsweise zu einer Zunahme der transplantierbaren Organe um nicht weniger als 55 Prozent geführt.

Obwohl es meines Erachtens durchaus gute Argumente für die Widerspruchslösung gibt, scheint sie doch zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt moralisch noch zu kontrovers, als dass man ihre baldige Einführung erwarten dürfte. Für die Diskussion zur Xenotransplantation weitaus bedeutsamer ist jedoch, dass auch sie das Problem des Organmangels nicht wirklich lösen würde. Selbst wenn man unterstellte, dass sich die Zahl der verfügbaren Organe durch die Einführung der Widerspruchslösung tatsächlich verdoppelte, würde immer noch die Hälfte der angemeldeten Patienten unversorgt bleiben - von den Patienten, die es gar nicht auf die Warteliste geschafft haben, ganz zu schweigen. Eine Änderung des Transplantationsgesetzes stellt daher keine wirkliche Alternative zur Xenotransplantation dar.

Eine echte Alternative wäre dagegen die Entwicklung künstlicher Organe. Künstliche Organe könnten nicht nur in beliebiger Menge produziert werden, sie hätten auch den Vorteil, dass sie keine Immunsuppression erforderten. Obwohl an der Entwicklung künstlicher Organe nun schon seit mehreren Jahrzehnten intensiv gearbeitet wird, sind bislang doch nur bescheidene Erfolge erzielt worden: Mit den derzeit verfügbaren künstlichen Organen lässt sich das Leben vieler Patienten zwar oft solange verlängern, bis ein Spenderorgan verfügbar wird, doch sie sind noch weit davon entfernt, ein permanenter Ersatz zu werden. Abgesehen von der Schwierigkeit, Organe zu entwickeln, die implantabel sind, besteht bei der Verwendung künstlicher Organe - genau wie bei der Verwendung tierischer Organe - das Problem, dass sie imstande sein müssen, die Funktionen menschlicher Organe in hinreichender Weise zu übernehmen. Im Falle physiologisch simpler Organe wie des Herzens ist dies eine relativ einfache, im Falle physiologisch komplexer Organe wie der Leber dagegen eine äußerst schwierige Aufgabe. Angesichts dieser Probleme darf man offenbar auch von der Entwicklung künstlicher Organe nicht so bald erwarten, dass sie die Schere zwischen dem Angebot und der Nachfrage an Organen schließen wird.

Dass es zumindest im Moment keine Alternativen gibt, bedeutet jedoch nicht, dass wir der Xenotransplantation deshalb unbesehen den Segen geben müssen. Die Xenotransplantation wirft durchaus ernstzunehmende ethische Fragen auf. Die wichtigste dieser Fragen lautet sicher: Ist es angesichts des durchaus realen und einfach nicht quantifizierbaren Risikos einer Übertragung von Viren moralisch überhaupt zu verantworten, Xenotransplantationen vorzunehmen?

Da Millionen von Menschen in vielen Ländern dieser Erde - einschließlich der USA! - nicht einmal Zugang zur elementarsten medizinischen Versorgung haben, stellt sich zudem die Frage: Ist es moralisch wirklich zu verteidigen, knappe Ressourcen in ein Verfahren zu investieren, das voraussichtlich teuer und letztlich nur einer vergleichsweise geringen Zahl von Patienten zugute kommen wird?

Und schließlich erhebt sich noch die Frage, die mit dem Erstarken der modernen Tierrechtsbewegung mehr und mehr in den Vordergrund rückt: Ist es moralisch eigentlich vertretbar, Tiere als bloße "Ersatzteillager" für Menschen zu behandeln?

Da all diese Fragen dringend einer öffentlichen Diskussion bedürfen, haben sich inzwischen nicht nur Politiker, Philosophen und Theologen, sondern selbst die an der Xenotransplantation beteiligten Wissenschaftler für einen vorläufigen Forschungsstop ausgesprochen. Ein solches Moratorium würde uns in der Tat Gelegenheit geben, erstmals mit dem Kopf schneller zu sein als mit dem Skalpell.

Weiterführende Literatur

Wer sich näher über den gegenwärtigen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Xenotransplantation informieren möchte, sei auf folgende Artikel verwiesen:

Robin A. Weiss Xenotransplantation: Science, Medicine and the Future. In: British Medical Journal 317: 931-934, 1998.
(http://www.bmj.com/cgi/content/full/317/7163/931)

Fritz H. Bach Xenotransplantation: Problems and Prospects. In: Annual Review of Medicine 49: 301-310, 1998.

Für eine Darstellung der ethischen Probleme der Xenotransplantation siehe zum Beispiel:

Jonathan A. Hughes Xenografting: Ethical Issues. In: Journal of Medical Ethics 24: 18-24, 1998.
Harold Y. Vanderpool Critical Ethical Issues in Clinical Trials With Xeno-transplants. In: The Lancet 351: 1347-1350, 1998.

Speziell zu der Frage, ob die Xenotransplantation tierethisch akzeptabel ist, siehe etwa:

Barbara F. Orlans / Thomas L. Beauchamp The Human Use of Animals. Case Studies in Ethical Choice. Oxford University Press, New York 1998.

Für eine Umfrage zu der Einstellung von Transplantationspatienten zur Xenotransplantation, siehe:

Karen L. Coffman et al. Survey Results of Transplant Patient' Attitudes on Xenografting. In: Psychosomatics 39: 379-383, 1998.

 Wer wissen möchte, wie die Kirchen zur Xenotransplantation stehen, lese:

Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland / Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz Xenotransplantation: Eine Hilfe zur ethischen Urteilsbildung. Hannover 1998. (Diese 27 Seiten lange Stellungnahme kann man beim Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Herrenhäuser Str. 12 in 30419 Hannover, bestellen.)

Für eine ausführliche Darstellung aller Aspekte der Xenotransplantation siehe:

Bärbel Hüsing / Eve-Marie Engels / Thomas Frick Xenotransplantation. Schweizerischer Wissenschaftsrat. Bern 1998. (Diesen 246 Seiten umfassenden Bericht kann man unter folgender Adresse bestellen: Schweizerischer Wissenschaftsrat, Programm Technologiefolgenabschätzung, Inselgasse 1, CH-3003 Bern.)

 

 

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Stand: 11. September 2004

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