Am 25. Juni 1997 wurde das Transplantationsgesetz im Bundestag verabschiedet. Als Erinnerung an den Beginn des Verfahrens hier die erste Rede von

 

Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer

vor dem Deutschen Bundestag

zum Entwurf eines Gesetzes über die

Spende, Entnahme und Übertragung von Organen

(Transplantationsgesetz)

am 19. April 1996

 

Organspende: Ein besonderes Zeugnis der Mitmenschlichkeit

Organ- und Gewebeübertragungen gehören heute in Deutschland und den meisten anderen Staaten mit einem hochentwickelten Gesundheitswesen zum Standard der medizinischen Versorgung. Bis Ende 1995 wurden in Deutschland 30.635 Nieren, 4.135 Herzen, 4.002 Lebern, 473 Bauchspeicheldrüsen und 435 Lungen transplantiert.

Mit jeder Transplantation kann Leben gerettet, eine Krankheit geheilt oder gelindert werden. Und jedem einzelnen Patienten kann diese letzte Möglichkeit der Medizin, die Gesundheit schwerkranker Menschen wiederherzustellen, neue Freiheiten, neue Möglichkeiten der Lebensführung und Lebensplanung eröffnen. Für viele Patienten ist der Tag der Operation deshalb auch der Beginn eines neuen Lebensabschnittes, den sie wie einen zweiten Geburtstag feiern.

Das alles wäre ohne die Bereitschaft zur Organspende nicht möglich. Diese Bereitschaft ist ein besonderes Zeugnis der Mitmenschlichkeit. Denn wer sich dazu entschließt, will zuallererst kranken Menschen helfen - ohne Absichten und ohne die Gewißheit haben zu können, bei einer eigenen schweren Krankheit die gleiche Hilfe zu erhalten.

Deshalb ist die Bereitschaft zur Organspende im besten Sinne des Wortes zuallererst uneigennützig. Sie ist ein ganz persönliches Beispiel praktizierter Nächstenliebe. Und dafür kann man nur dankbar sein.

Ich sage das mit allem Respekt vor denen, die sich nicht zu einer Organspende entschließen können - aus welchen Gründen auch immer. Es steht niemandem zu, diese Entscheidung zu kritisieren. Und es steht erst recht niemandem zu, das Maß der Mitmenschlichkeit nur und ausschließlich oder doch zuerst am Kriterium der Organspende festzumachen. Eine Moral, die das zuläßt oder fördert, würde sich selbst urteilen.

Unsere Aufgabe ist es, die Voraussetzungen für Transplantationen und ihre rechtlichen Grundlagen neu zu gestalten. Wie schwer das ist, haben wir alle bei den Vorbereitungen für dieses Transplantationsgesetz erfahren. Das lag nicht zuletzt auch daran, daß viele Menschen auf die Organspende und die Organtransplantation so sensibel wie auf kaum einen anderen Bereich der medizinischen Versorgung reagieren.

Die Menschen reagieren auf dieses Thema so sensibel, weil es hier weit über die eigentlich medizinischen Aspekte hinaus auch um grundsätzliche rechtliche und ethische Fragen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft geht, die jeden einzelnen unmittelbar betreffen können. Hier tauchen Fragen auf, die über das eigene Leben hinausreichen.

Hier ist eine Dimension der persönlichen Betroffenheit, Entscheidung und damit auch der persönlichen Verantwortung erreicht, die es im Zusammenhang mit medizinischen Möglichkeiten so vorher noch nicht gegeben hat.

Es geht um eine besondere Form der Verbundenheit zwischen den Menschen, die über den Tod hinaus wirkt. Jeder von uns steht hier vor der Frage, ob er zu dieser Verbundenheit bereit ist und zu welchen Konsequenzen das führt.

Deshalb ist es selbstverständlich, daß die Menschen in solchen Situationen verläßliche Orientierungen brauchen. Sie müssen sich darauf verlassen können, daß Mediziner, Juristen, Wissenschaftler und auch Politiker mit der Möglichkeit der Organspende, Entnahme, Vermittlung und Übertragung höchstverantwortlich umgehen.

Aus Mißtrauen Vertrauen schaffen

Von der Qualität unserer Antworten auf solche berechtigten Erwartungen wird die Einstellung der Menschen zur Transplantationsmedizin abhängen. Je besser es uns gelingt, mit unseren Antworten aus Skepsis Zuversicht, aus Unsicherheit Sicherheit und aus Mißtrauen Vertrauen zu schaffen, desto eher wird die Bereitschaft zur Organspende steigen, die in den vergangenen Jahren leider zurückgegangen ist. Und je mehr Menschen sich hier in Deutschland zur Organspende bereit erklären, desto mehr kann schwerkranken Menschen durch die Transplantationsmedizin geholfen werden.

Wir brauchen mehr Menschen, die sich zur Organspende bereit erklären, weil wir uns auf Dauer nicht auf die hohe Spendebereitschaft in unseren Nachbarländern verlassen können. Ohne deren Hilfe könnte ein großer Teil der Transplantationen gar nicht durchgeführt werden. Dafür sind wir dankbar. Aber wir können nicht erwarten, daß das in alle Zukunft so bleibt. Das ist auch moralisch nicht vertretbar. Deswegen ist es unsere Aufgabe, unseren Teil dazu beizutragen, die Spendebreitschaft in der Bevölkerung zu erhöhen.

Bei allen Unterschieden, die sich im Verlauf der Vorbereitungen für ein Transplantationsgesetz aufgetan haben, sind wir uns alle in diesem Ziel einig. Und das ist auch der Maßstab für den gemeinsam von CDU/CSU, F.D.P und SPD eingebrachten Gesetzentwurf zur Spende, Entnahme und Übertragung von menschlichen Organen.

Bedingungen für ein Transplantationsgesetz

Von vornherein stand deshalb auch fest: Es kann nur unsere Aufgabe sein, um Organspenden zu bitten. Wer hier fordert, oder die Menschen zu einer Entscheidung drängen möchte, erreicht das Gegenteil. Auch die Ablehnung einer Organspende darf nicht moralisch abgewertet oder sogar mißbilligt werden.

Wenn der Eindruck ensteht, daß die Achtung vor dem Persönlichkeitsschutz Verstorbener nicht der Maßstab des Handelns oder Unterlassens ist, dann werden wir das notwendige Vertrauen in die Transplantationsmedizin nicht erreichen.

Wir brauchen deshalb eine Lösung, die garantiert, daß die Würde des Menschen, auch eines toten Menschen, nicht im Namen fremden Wohlergehens verletzt wird. Eine Lösung, die diese besondere Hilfe erbittet und nicht erzwingt, eine Lösung, die auch Grenzen für die Organentnahme setzt. Das sind unverzichtbare Bedingungen für ein Transplantationsgesetz.

Maßstab unseres Handelns: Achtung vor der Würde und dem Persönlichkeitsrecht des Menschen

Eine gesetzliche Regelung auf Bundesebene ist erst seit kurzer Zeit möglich. Wie sie wissen, hat der Bund durch eine Grundgesetzänderung seit dem 15. November 1994 die konkurrierende Gesetzgebungskompetenz. Damit sind die rechtlichen Voraussetzungen für eine umfassende Regelung des Transplantationsrechts durch den Bund geschaffen.

Die Leitlinie für die gesetzliche Regelung steht fest: Die Organentnahme und alle mit ihr verbundenen Maßnahmen müssen unter Achtung des Willens und der Würde des Organspenders durchgeführt und auf das medizinisch unerläßliche Maß beschränkt werden.

Das Selbstbestimmungsrecht der Bürgerinnen und Bürger hat höchste Priorität. Die zu Lebzeiten abgegebene Erklärung zur Organspende hat absoluten Vorrang und ist von jedermann strikt zu beachten. Umso wichtiger ist ihre sichere Dokumentation.

Unterschiedliche Auffassungen bestehen in der Frage, ob die Zulässigkeit der Organentnahme ausschließlich an eine zu Lebzeiten dokumentierte Einwilligung geknüpft werden soll, oder ob nicht unter bestimmten Voraussetzungen auch die Angehörigen Verstorbener entscheiden können.

Enge Zustimmungslösung wäre das Ende der Transplantationsmedizin

Die Vertreter der engen Zustimmungslösung knüpfen die Zulässigkeit der Organentnahme ausschließlich an eine zu Lebzeiten dokumentierte Einwilligung.

Ich glaube, daß dieser Weg uns nicht weiterführt. Er wäre sogar das Ende der Transplantationsmedizin für lebenswichtige Organe in Deutschland. Denn auch bei eingehender und wiederholter Aufklärung der Bevölkerung ist nicht zu erwarten, daß sich jeder Bürger und jede Bürgerin zu Lebzeiten für oder gegen eine postmortale Organspende entscheidet. Ein Ende der Transplantationsmedizin wiederum würde die Gefahr des Organhandels fördern und Transplantationen in das Ausland verlagern.

Derzeit haben höchstens 5 % derjenigen Verstorbenen, die z.B. als Spender von Herz, Nieren oder Leber in Betracht kommen, einen Organspendeausweis ausgefüllt. Dies ist zu wenig, und wir wollen durch eine Motivationskampagne auch wesentlich mehr Bürgerinnen und Bürger dazu bewegen, eine persönliche Entscheidung in der Frage einer Organspende zu treffen und zu dokumentieren.

Wir müssen aber nüchtern sehen: Nur etwa 5.000 der jährlich 900.000 Versterbenden in Deutschland kommen als Organspender in Frage, weil sie während einer intensivmedizinischen Behandlung sterben. Häufig handelt es sich dabei um jüngere Menschen. Selbst bei einer überwältigenden Bereitschaft zur Organspende in der Gesamtbevölkerung wäre es unrealistisch anzunehmen, daß gerade jeder dieser Patienten eine Erklärung zur Organspende abgegeben hat.

Wir kommen deshalb - davon bin ich überzeugt und dafür plädiere ich - ohne Einbeziehung der Angehörigen nicht aus.

Erweiterte Zustimmungslösung: Einbeziehung der nächsten Angehörigen

Daher setze ich mich für die erweiterte Zustimmungslösung ein. Zum einen trägt sie dem Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen Rechnung. Zum anderen regelt sie in einer sachgerechten und ausgewogenen Form die weitaus überwiegende Zahl der Fälle, in denen der Betroffene zu Lebzeiten - aus welchen Gründen auch immer - keine Erklärung zur Organspende abgegeben hat.

Nach dieser Regelung sollen die nächsten Angehörigen, die den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen ja am besten beurteilen können, im Einzelfall die Entscheidung über eine vom Arzt beabsichtigte Organentnahme treffen.

Diese Frage stellt sich den Angehörigen immer bei einer Organentnahme, unabhängig davon, für welche gesetzliche Regelung wir uns in diesem Punkt entscheiden werden. Es ist wichtig, darauf noch einmal ausdrücklich hinzuweisen: Auch bei einem eindeutigen "Ja" eines Verstorbenen zur Organspende werden die Angehörigen vor der Entnahme einbezogen.

Es gehört immer schon zum ärztlichen Selbstverständnis, den nächsten Angehörigen in Grenzsituationen beizustehen und sie über alle Entscheidungen bei der Behandlung zu informieren, gerade auch bei einer intensivmedizinischen Behandlung. Deshalb ist es für mich selbstverständlich und ein Gebot der Pietät, die Angehörigen auch in die Entscheidung über eine Organentnahme einzubeziehen.

Ich weiß, daß es für die Angehörigen sehr, sehr schwer ist, sich angesichts der Trauer und des Schmerzes über den Verlust eines lieben Menschen mit dieser Frage auseinandersetzen zu müssen. Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund, daß der Tod in unserer Gesellschaft meist verdrängt wird. Und es ist alles andere als ein Vorwurf, wenn ich sage: Wir alle setzen uns viel zu wenig damit auseinander, daß Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind.

Gerade aus dieser einfachen Wahrheit heraus sind allerdings auch viele bereit, "Ja" zur Organspende zu sagen. Ich weiß von Angehörigen Verstorbener, die dies begründet haben mit den Worten: "Auf diese Art und Weise hat der Tod wenigstens einen Sinn." Für die Angehörigen war das "Ja" zur Organspende in dieser Situation ein Weg, mit Trauer und Schmerz umzugehen. Um nicht falsch verstanden zu werden. Das wird nicht für jeden so sein. Niemand darf das "Ja" oder "Nein" in dieser Frage mit moralischen Wertungen verbinden. Aber jedem Menschen stellt sich diese Frage. Er muß sie eigenverantwortlich entscheiden. Und jeder Entscheidung muß mit Respekt begegnet werden.

Für mich bedeutet die Einbeziehung der nächsten Angehörigen im übrigen auch ein Stück Transparenz bei der Entscheidung über eine Organentnahme. Deshalb wird die Einbeziehung der Angehörigen in anderen Ländern auch dann praktiziert, wenn der Verstorbene der Organentnahme zu Lebzeiten zugestimmt hat.

Wichtig ist: Auch bei der erweiterten Zustimmungslösung bevormundet oder reglementiert der Staat nicht. Es kommt allein und entscheidend auf den Willen der betroffenen Menschen an.

Ich halte es für notwendig, daß jeder von uns in dieser Frage der Einbeziehung der nächsten Angehörigen eine persönliche Entscheidung treffen kann. Das gilt auch für die Bewertung des Hirntodes. Zu beiden Punkten liegen deshalb Gruppenanträge zur Ergänzung des interfraktionellen Gesetzentwurfs im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens vor.

Feststellung des Todes vor jeder Organentnahme

Vor der Organentnahme muß mit Sicherheit festgestellt sein, daß der Spender tot ist. Er darf nicht etwa zugunsten eines Empfängers vorzeitig für tot erklärt werden.

Es ist in erster Linie Aufgabe der medizinischen Wissenschaft, die Methoden der Todesfestellung zu definieren. Der Gesetzgeber muß hier klare, einwandfrei nachweisbare, naturwissenschaftliche Kriterien benennen, die objektiv nachprüfbar sind.

Hirntod als sicheres Kriterium für Tod des Menschen

Die ganz überwältigende Mehrheit der medizinischen Wissenschaft im In- und Ausland sagt: Der Hirntod ist ein sicheres Zeichen und damit ein zuverlässiges Kriterium dafür, daß der Tod eines Menschen eingetreten ist.

Die Feststellung des Todes erfordert den Nachweis des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls nicht nur eines Teils, sondern der gesamten Hirnfunktion. Dieser Nachweis erfolgt bei nur noch künstlich aufrechterhaltener Atmungs- und Kreislauffunktion durch spezielle klinische und apparative Untersuchungen. Hier spricht der äußere Anschein für einen scheinbar noch lebenden Menschen. Deshalb ist es verständlich, daß manche am Todeseintritt zweifeln.

Doch der Schein trügt. Denn mit dem endgültigen, nicht mehr behebbaren Ausfall aller Hirnfunktionen ist die Grundlage und das Wesensmerkmal des Menschen, die körperlich-geistige Einheit, die ihn als Individuum konstituiert, unwiderruflich zerbrochen. Von einigen wird dieser Zustand besonders drastisch als "innere Enthauptung" umschrieben.

Ich möchte an dieser Stelle Bischof Prof. Lehmann, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, zitieren, der vor wenigen Wochen zur Frage der Bewertung des Hirntodes folgendes treffend klargestellt hat:

"Der Hirntod ist in gewisser Weise auch ein unsichtbarer Tod. Insofern ist ein gewisses Mißtrauen vieler Menschen, den Hirntod zum einzigen Maßstab der Feststellung des Todes zu erklären, verständlich. Es kann jedoch kein Zweifel bestehen, daß der Hirntod zwar nicht einfach gleichzusetzen ist mit dem Tod des Menschen schlechthin, aber er ist auf seine Weise auch Ausdruck und reales Zeichen des Todes der Person. Darum ist der Hirntod eine nach heutigem Wissen akzeptable Festlegung der Todeszeitbestimmung und eine Methode der Todesfeststellung. Nicht mehr und nicht weniger."

Und die Evangelische Kirche in Deutschland führt in einer Stellungnahme vom 22. Juni 1995 aus:

"Um die Situation angemessen beschreiben zu können, müssen wir die beiden K r i t e r i e n des Todeseintritts ("Hirntodkriterium" und "Herztodkriterium") von dem "Tod des Menschen" unterscheiden: Der Hirntod bedingt den Tod des Menschen als erlebendes, denkendes und handelndes Ich (...). Und weiter: Ein Hirntoter ist also ein Toter mit noch erhaltenen Körperfunktionen und nicht - wie die Kritiker behaupten - ein Sterbender mit lebendem Körper bei gestorbenem Gehirn."

Beide Stellungnahmen machen deutlich, daß es nicht Aufgabe des Gesetzgebers ist, die theologische oder philosophische Dimension des Todes zu beschreiben. Das Gesetz muß vielmehr verläßliche medizinische und naturwissenschaftliche Kriterien zum Nachweis des eingetretenen Todes benennen.

Durch den Fortschritt der Medizin hat der Herztod als Lebensende an Plausibilität verloren. Denn wenn wir vom Tod sprechen, meinen wir ein Ereignis, das Leben definitiv beendet.

Diese Unumkehrbarkeit ist aber für den Herztod nicht mehr gegeben. Unter bestimmten Voraussetzungen können Atmung und Kreislauf durch intensivmedizinische Behandlungsmöglichkeiten künstlich aufrechterhalten oder wieder in Gang gesetzt werden. Erst der endgültige, nicht behebbare Ausfall der gesamten Hirnfunktion führt zu dem unumkehrbaren Ereignis, dem Tod des Menschen.

Die Todesfeststellung auf der Grundlage des nachgewiesenen Hirntodes ist bereits seit vielen Jahren - auch in Deutschland - eindeutig medizinisch definiert. Wir erfinden hier nicht etwa wegen der Transplantationsmedizin eine neue Todesfeststellung.

Ich weiß, daß sich trotz all' dieser Tatsachen einige mit der Anerkennung des Hirntodes als sicheres Todeszeichen schwertun. Jeder von uns hat ein Recht darauf, in dieser schwierigen Frage zu einer persönlichen Entscheidung zu kommen. Und diese Entscheidung muß akzeptiert werden.

Wir müssen aber auch so ehrlich sein, und deutlich sagen: Wer den Hirntod nicht als Kriterium für den eingetretenen Tod des Menschen akzeptieren kann, aus welchen Gründen auch immer - müßte eigentlich zu der Konsequenz kommen, Transplantationen grundsätzlich abzulehnen. Denn es gibt zwischen Leben und Tod keine "Grauzone", die Spielraum für Interpretationen läßt. Erst der Tod rechtfertigt die Entnahme von Organen.

Deshalb wären bei der Annahme, der Tod des Menschen würde erst mit dem Herz-Kreislauf-Stillstand eintreten, alle vorbereitenden Maßnahmen zur Organentnahme und auch die Organentnahme selbst aktive Tötungshandlungen, weil sie diesen Stillstand durch ärztliches Handeln herbeiführen.

Auch das verlöschende Leben steht unter der uneingeschränkten grundgesetzlich verbürgten Unantastbarkeit und Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens. Das in Artikel 2 Absatz 2 unseres Grundgesetzes verankerte Recht auf Leben ist auch hier eindeutig: Der Staat darf danach eine aktive Tötung auch nicht kurz vor dem Todeseintritt oder zum Zwecke der Lebensrettung Dritter hinnehmen.

Und entsprechend gibt es auch die strafrechtlichen Vorschriften, nach denen die Tötung eines Menschen selbst auf dessen ausdrückliches Verlangen hin als Verbrechen strafbar ist. Von dieser Regelung kann es keine Ausnahme geben - auch nicht für die Transplantationsmedizin. Niemand darf sich auf einen solchen Weg einlassen. Es muß dabei bleiben: Mit der Entnahme lebenswichtiger Organe darf erst begonnen werden, wenn der Mensch nicht mehr lebt und sein Tod zuverlässig festgestellt ist - keine Sekunde vorher. Und darauf beruht auch die Transplantationsmedizin der vergangenen Jahre.

In keinem Land der Welt mit gesetzlichen Regelungen zur Organentnahme für Transplantationen wird ein Hirntoter als noch Lebender angesehen. Dies widerspräche nicht nur dem supranationalen Konsens, wie er sich in Entschließungen des Europarates, der Weltgesundheitsorganisation und des Europäischen Parlamentes manifestiert hat, sondern auch tragenden Grundsätzen unserer Rechtsordnung.

Ich weiß, daß viele Menschen Angst vor Fehlern bei der Hirntodfeststellung haben. Deshalb haben wir zusätzliche verfahrensrechtliche Sicherungen im Gesetz verankert. So muß die Feststellung des Todes von zwei qualifizierten Ärzten getroffen werden, die den Verstorbenen unabhängig voneinander untersucht haben und die außerdem mit der nachfolgenden Organtransplantation nichts zu tun haben dürfen.

Wir brauchen eine Lösung, die besonders in diesem wichtigen Punkt Rechtssicherheit und Vertrauen schafft - bei den Organspendern, den Organempfängern, den Angehörigen und den Ärzten. Wir brauchen eine Lösung, die für alle Beteiligten nachvollziehbar, praktikabel ist und Mißbrauch verhindert.

Diese Lösung muß auch dafür sorgen, daß alle Beteiligten in der Grenzsituation einer Transplantation mit seelischen Nöten nicht alleine gelassen werden. Deshalb haben wir im Gesetz vorgesehen, daß eine Beratung und ggf. eine psychologische Betreuung sichergestellt sein muß.

Lebendspende bei einer engen persönlichen Bindung

Dritter wichtiger Eckpunkt des Transplantationsgesetzes ist die Lebendspende, also vor allem die Spende einer Niere. Die Zulässigkeit einer solchen Spende soll an strenge Voraussetzungen geknüpft werden. Sie darf nur erfolgen zwischen Menschen mit einer engen persönlichen Bindung. Grundvoraussetzung jeder Lebendspende ist die freiwillige Einwilligung des Spenders in die Organentnahme. Dazu ist vorgesehen, daß ein Organ erst entnommen werden darf, wenn

- erstens der Spendewillige durch zwei Ärzte eingehend aufgeklärt worden ist und

- zweitens die Prüfung einer Gutachterkommission bei der Ärztekammer keine Anhaltspunkte dafür ergeben hat, daß der Spender durch Druck oder durch materielle Anreize zur Spende bewogen worden ist.

Ich glaube, dies ist ein guter Ansatz, um den verschiedenen Problemstellungen - seien es psychische Probleme, Abhängigkeitsverhältnisse oder eine Kommerzialisierung der Organspende - entgegenzuwirken.

Strafbarkeit des kommerziellen Organhandels

Ein weiterer wesentlicher Eckpunkt des Gesetzentwurfs ist das Verbot und die Strafbarkeit des kommerziellen Organhandels. Kommerzieller Organhandel ist mit der Würde des Menschen und unserer verfassungsrechtlichen Werteordnung unvereinbar. Das Gesetz wird jeden kommerziellen Handel mit menschlichen Geweben und Organen verbieten, gleichgültig, ob sie aus dem Körper Lebender oder Verstorbener entnommen worden sind. Verstöße werden strafrechtlich sanktioniert. Die Bereitschaft zur Organspende darf nicht vom Profitstreben bestimmt sein.

Auch für die menschenverachtende Ausnutzung der wirtschaftlichen Notlage von Menschen zum Zwecke der Organspende ist in unserer Rechtsordnung kein Platz. Ebensowenig für die Ausnutzung der gesundheitlichen Notlage und der Hoffnung schwerkranker Menschen auf ein lebensrettendes Organ. Ich bin froh, daß sich die deutschen Transplantationszentren schon vor vielen Jahren dazu verpflichtet haben, in ihrem Verantwortungsbereich jede Kommerzialisierung der Organspende zu verhindern und bis heute auch verhindert haben. Ihre damit verbundene Forderung nach einem umfassenden strafrechtlich sanktionierten Verbot des Organhandels muß der Gesetzgeber jetzt endlich erfüllen.

Ich bin sicher, daß ein solches Transplantationsgesetz mit einer klaren rechtlichen Grundlage für die Organentnahme zu mehr Rechtssicherheit führt. Dies schafft wieder mehr Vertrauen in der Bevölkerung. Und ich hoffe, daß so auch die Bereitschaft zur Organspende bei uns wieder deutlich zunehmen wird.

Dieses Vertrauen ist die wichtigste Voraussetzung dafür, daß auch in Zukunft Menschen die berechtigte Hoffnung auf eine lebensrettende und lebenserhaltende Transplantation haben können - wie viele tausend Patienten vor ihnen auch. Es liegt an uns, durch ein gutes Gesetz, ein Gesetz, das von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen ist, dieses Ziel zu erreichen.