Mein Weihnachtswunder

oder

Wie mir das Christkind ein neues Herz brachte.

 

Das Flugzeug der Lufthansa nach Berlin stand in Warteposition auf dem Rollfeld des Stuttgarter Flughafens. Es war an einem Montag im Dezember 1991 um 16.45 Uhr. Ein rosarotes Abendrot tauchte dieses sachliche Umfeld in ein unwirklich glasklares, fast durchsichtige Licht.

Und doch war da irgendein Gefühl der sich ankündigenden Winternacht, vor allem in mir selbst. Ich sollte an diesem besonderen Tag in meinem Leben nach Berlin fliegen, wo ich seit einigen Monaten im dortigen Herzzentrum zur Herztransplantation vorgemerkt worden war.

Aus vorangegangenen Untersuchungen während der letzten 6 Monate wußte ich, daß es keine andere Möglichkeit mehr geben würde als die der Transplantation, um mein Leben zu retten. Es würde sehr, sehr viel Kraft und vor allem eine lange Wartezeit kosten, bis ein passendes Spenderorgan gefunden sein würde.....

Mir liefen die Tränen übers Gesicht – hatte ich mich doch erst vor wenigen Minuten am Flugsteig von Mann und Tochter verabschieden müssen. Ich war allein mit der Angst, was jetzt kommen würde.

Endlich – mit 40 Minuten Verspätung konnten wir abfliegen und nach etwa 2 ½ Stunden traf ich in dem „Wartekrankenhaus" in Berlin ein, wo für die Zeit vor der Operation ein Bett für mich reserviert war.

Da zu diesem Zeitpunkt alle meine Daten bereits im Computer eingespeichert waren, wurde ich nicht mehr so oft untersucht. Der mir mittlerweile bestens bekannte Krankenhausalltag nahm seinen Lauf. Auf dem Flur traf ich andere Patienten, die genauso wie ich auf ein Spenderherz warteten – bisher ohne Erfolg. In meinem Zimmer lag eine sehr liebevolle alte Dame, ich hörte, wie sie des nachts leise betete. Ob sie auch für mich gebetet hat ?

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. 3 Tage nach meinem Eintreffen in Berlin teilte man mir abends mit, daß möglicherweise ein Spenderorgan für mich da wäre. Ich wurde sofort ins Deutsche Herzzentrum gebracht, um zur OP vorbereitet zu werden. Ich nahm den Transport dorthin und alles um mich her nur noch schemenhaft wahr; verbrachte dann aber, als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, eine relativ ruhige Nacht.

Der Morgen danach dämmerte herauf. Alles war ruhig und vorerst geschah nichts.

„Die Chirurgen sind noch unterwegs" bekam ich als Antwort auf meine bange Frage, ob und wann ich nun operiert werden würde. Am späten Vormittag kamen dann auf einmal zwei Ärzte und Pflegepersonal zu mir in rasender Eile, so erschien es mir. Ich wurde mit den Worten „Es geht los" in den Operationssaal geschoben. Würde ich am Leben bleiben dürfen ?

Das muß wohl mein letzter Gedanke gewesen sein, ehe ich in die tiefe Narkose versank.

Nach etwa 20 Stunden kam ich wieder zu mir, besser gesagt: Ich erwachte zu neuem Leben ! Das implantierte, neue Herz schlug fühlbar in mir – ich wurde so liebevoll und aufmerksam betreut wie niemals vorher und kam bald in die Spezialabteilung für frisch Transplantierte.

Der wichtigste Grund, warum ich diese, meine eigene Geschichte, die ich als ein Wunder empfinde, jetzt nach all den Jahren aufschreibe ist der: Ich will all jenen Menschen Hoffnung geben, die sich zu einem sehr schweren Eingriff, z.B. einer Transplantation, egal welchen Organes, entschließen müssen. Es gibt noch Wunder. Ich darf sagen, daß ich heute, nach einer nicht gerade leichten Zeit der Genesung, nicht als kranker Mensch lebe, sondern bewußt und auch bereit, mein geschenktes, zweites Leben für mich und auch für andere Menschen sinnvoll zu nutzen.

So möge mein Appell an alle, die dafür offen sind, gerichtet sein: Werdet Organspender, damit solche „Weihnachtswunder" wie das meinige öfters möglich werden. Das „Berliner Christkind hat mir ein gutes und sehr gesundes Organ vom Himmel geholt" – so naiv kann ich es eigentlich am besten ausdrücken. Natürlich habe ich nicht erfahren, von wem und woher das neue Herz kam – es ist auch besser so.