Organspende & Transplantation

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Ist-Zustand der Organspende und Transplantation in Deutschland

- im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern -

In den europäischen Ländern ist die Organspende und Transplantation in ihren Grundprinzipien einheitlich geregelt. Der Hirntod ist als der Zeitpunkt des Todes akzeptiert, ab dem eine Organentnahme unter Wahrung der Pietät zulässig ist, sofern sie gestattet ist. Hinsichtlich des Einverständnisses zur Organentnahme gibt es die Systeme Widerspruchslösung und Zustimmungslösung [16] [61]:

Widerspruchslösung: Wenn der Organentnahme zu Transplantationszwecken durch den Verstorbenen zu Lebzeiten nicht widersprochen wurde ist sie nach dem Tod zulässig.

Zustimmungslösung: Die Organentnahme zu Transplantationszwecken nach dem Tod ist zulässig, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ihr zugestimmt und es dokumentiert hatte (falls ausschließlich nur zulässig: enge Zustimmungslösung) oder wenn keine Entscheidung dokumentiert ist die nächsten Angehörigen dem mutmaßlichen letzten Willen und Wünschen des Verstorbenen entsprechend stellvertretend zustimmen (falls auch zulässig: erweiterte Zustimmungslösung).

Die praktische Umsetzung und Handhabung dieser Systeme erfolgt nach landestypischen, historisch geprägten, soziokulturellen sowie religiösen Wertvorstellungen. Deshalb gibt es in jedem Land eine individuelle Einstellung der Bewohner zum Tod und der Organspende, mit entsprechenden Verfahrensweisen, die nicht immer der augenscheinlich vorliegenden Gesetzesreglung entsprechen. Ärztlicherseits wird überall mit den Angehörigen des Verstorbenen im Konsens der letzte Wille des Verstorbenen bezüglich der Organspende respektiert. Dies ist unabhängig von den überall anzutreffenden rationalen und irrationalen Ängsten zum Lebensende. Ferner hängt die Zahl der durchgeführten Transplantationen bzw. Organspenden von den medizinischen, technischen sowie ökonomischen Ressourcen eines Landes ab. In Tabelle 1 gibt einen Vergleich der Häufigkeit von Organspenden und Transplantationen pro eine Millionen Einwohner parallel zur vorhandenen rechtlichen Regelung und durchgeführten Praxis wieder (s. Abb. 8) [9] [11] [13] [16] [20] [21] [22] [45] [61]. Es ist schwer, die europäischen Daten zu analysieren, da jeweils landestypische Einflussfaktoren vorliegen. Dazu Beispiele:

Die von Kaiserin Maria Theresia veranlasste Pflicht zur Sektion von Verstorbenen im Interesse der Gesundheit bewirkte [38], dass heute in den Ländern auf dem Gebiet des ehemaligen Österreichs - Ungarns die Leicheneröffnung nach dem Tod für die Bevölkerung selbstverständlich ist. Dadurch wird die Organentnahme zu Heilungszwecken nach dem Tod genauso selbstverständlich akzeptiert wie die Tatsache der allfälligen Obduktion. Hieraus ergab sich in Österreich bis Ende 1996 kein Bedarf zur öffentlichen Diskussion über die Fragen der Organspende oder des Hirntodes [26].

Während in Baden-Württemberg ein gut strukturiertes und ausgebautes Rettungs- sowie Krankenhauswesen mit diagnostischen und therapeutischen Kapazitäten vorhanden ist, gibt es in anderen Ländern Versorgungslücken. Diese können für Patienten mit schwersten Gehirnschädigungen tödlich sein, da ggf. nicht rechtzeitig oder ausreichend behandelt werden kann aufgrund der fehlenden Infrastruktur.

Dazu ein neutraler Vergleich: Lässt sich ein Schädel-Hirn-Verletzter im Winter aufgrund schlechter Witterungsbedingungen nächtens auf der Schwäbischen Alb nur verzögert bergen und gelangt erst nach mehrstündigem Überlandtransport in die spezialisierte Klinik, ist es sehr wahrscheinlich, dass er bereits ein therapieresistentes Hirnödem entwickelt hat und verstirbt (Hirntod). Kommt es am gleichen Ort zum selben Unfall und bestehen im Sommer optimale Witterungsbedingungen, lässt sich der Schädel-Hirn-Verletzte schnell bergen und binnen weniger Minuten mittels Hubschrauber in die spezialisierte Klinik bringen. Dann hat er aufgrund der frühzeitig einsetzenden optimalen Versorgung kaum eine Chance o.g. Hirnödem zu entwickeln und überlebt.

 

Tabelle 1: Gesetzliche Regelung und Istzustand der Organspende in Europa (USA):

     Hinweis: Italien hat mittlerweile sein Gesetz geändert; es gilt dort die Widerspruchslösung             

In den europäischen Ländern treten tödliche Verkehrsunfälle verschieden häufig auf. Allerdings korreliert die Unfallhäufigkeit nicht mit der Häufigkeit von Organspenden. Beispielsweise gibt es in Spanien mehr tödliche Verkehrsunfälle als in Deutschland, aber die Zahl der Organspenden nach tödlichem Unfall ist verglichen mit der nach anderen Todesursachen im Verhältnis zu Deutschland identisch: ein Drittel unfallbedingt, zwei Drittel andere Ursachen. Absolut gibt es in Spanien doppelt so viele Organspenden wie in Deutschland. Falsch wäre es zu folgern, dass die medizinische Versorgung schlechter wäre. Das Gegenteil ist Realität: Durchgeführte Organspenden und erfolgreiche Transplantationen sind ein Indikator für medizinisches Können plus die Fähigkeit zum vernünftigen menschlichen Umgang mit sensiblen Themen. In Spanien besitzt die Organspende auf breiter Basis ein hohes Ansehen. Dies veranlasste die öffentliche Hand vor Jahren ein Netz von Transplantationskoordinationsstellen an jedem Schwerpunktkrankenhaus zu schaffen, akzeptiert und integriert in den Klinikbetrieb [20] [55] [57]. Regional schwankt die Häufigkeit von Organspenden (2 - 60 pro Mio. EW. p.a.).

In Italien hat die Entscheidung zur Organspende durch die Eltern von Nicholas Green, einem amerikanischen Kind, das durch Kopfschuss in Süditalien ermordet wurde, durch das heldenhaft glorifizierend Medienecho zu einen Wandel der Wertvorstellungen mit einer deutlich vermehrten Zustimmung zur Organspende geführt [8]. Weiterhin gibt es regionale Unterschiede mit einem deutlichen Nordsüd Gefälle. Eine zeitgleich in Norditalien veränderte Gesetzgebung im Rahmen der Krankenversorgung hat zu einem weiteren Anstieg der Organspendezahlen geführt (z.B. Emilia Romagna 1996 19,6 Organspenden pro Mio. EW.)

 

Abbildung 8: Vergleich der Organspende und Transplantation in Europa (1998) [10] [11]

 

 

 

In fast allen europäischen Ländern mit rechtlicher Regelung der Organspende einschließlich der Todesfrage und deren öffentlichen Akzeptanz besteht eine höhere Bereitschaft zur Organspende als in Deutschland. In keinem europäischen Land wird die sog. enge Zustimmungslösung praktiziert, wie sie von wenigen in Deutschland aufgrund ihrer persönlichen Definition vom Lebensende beim irreversiblen Ausfall der Hirnfunktionen favorisiert wurde. In Europa hätte dieser Alleingang die bisherige Kooperation in der Transplantation gesprengt. Leidtragende wären die deutschen Patienten gewesen, die mangels Spenderorgan keine Chance bekommen. Nach verschiedenen Umfragen haben nur 5% bis 15% der Deutschen einen Organspendeausweis, 60% bis 80% wären zur Organspende bereit [46] [61] [69]. Wie viel Angst vor dem Tod haben hat niemand analysiert. Daher ist es schwierig jemanden zu zwingen, sich schriftlich festzulegen. Das seit Jahren freiwillig praktizierte System der erweiterten Zustimmungslösung ist ein Vernünftiger Weg.

Bei der Organspende und Transplantation gibt es länderübergreifende, eng zusammenarbeitende Organisationen. Neben der Organvergabe sind sie für die Kommunikation der Zentren untereinander und Qualitätssicherung zuständig. Aufgrund kultureller und sprachlicher Eigenheiten ergaben sich folgende Zusammenschlüsse:

Eurotransplant: Benelux-Staaten, Deutschland, Österreich u. Slowenien (Polen, Ungarn, Tschechei, u. Slowakei kooperieren),

Skandinaviatransplant: Norwegen, Schweden, Finnland u. Dänemark (Baltischen Staaten kooperieren),

UK-Transplant: Groß-Britannien und Irland

Schweiz (Swisstransplant), Frankreich (E.G.F), Spanien (O.N.T.), Italien (N.I.T.), Portugal, Griechenland (Hellastransplant) und Israel.

Über den Ist-Zustand der Transplantation und postmortalen Organspende in Deutschland informiert Tabelle 2 [10] [22] [64]:

 

Tabelle 2 Transplantation in Deutschland 

 

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

Niere

2033

2106

1894

2045

1887

1970

1997

2017

2067

1857

1914

1894

1963

1992

Leber

483

574

574

586

689

738

722

407

485

466

488

553

575

581

Herz

518

505

476

498

511

562

542

495

480

452

469

479

508

482

Pankreas

31

47

53

75

114

162

183

27

40

49

67

102

125

147

Aktuelle Zahlen nach 1998 finden sie hier.

Nach einer retrospektiven Auswertung aller bayrischen Totenscheine von 1986 durch Angstwurm und Ketzler [3] wären jährlich mindestens 26 postmortale Organspenden pro eine Millionen Einwohner in Deutschland realisierbar. Nach anderen Untersuchungen tritt bei 4.000 bis 5.000 der 500.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr der Hirntod ein und wäre eine Organspende denkbar, d.h. über 50 pro eine Million Einwohner. Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern bestätigen diese Zahlen [14] [20] [55] [61]. Somit würden bei konsequenter Umsetzung des Transplantationsgesetzes, d.h. Prüfung der Zulässigkeit der Organentnahme in jedem Todesfall nach Hirntod, bei einer Zustimmungsquote von 50% genügend Organe für den Versorgungsbedarf zur Verfügung stehen (2.000 Spenden = 4000 Nieren und über 1000 Herzen und Lebern).

Unterschiedlich ist das Engagement der Krankenhäuser in der Organspende je nach Versorgungsstufe: Zwischen 1991 und 1994 beteiligten sich 10% bis 17% der Häuser der Grundversorgung, 41 bis 54% der Regelversorgung, 86% bis 95% der Zentralversorgung und 89% bis 100% der Maximalversorgung an der Organspende [46]. Unterschiede gibt es auch zwischen den Häusern der einzelnen Versorgungsstufen (s. Abb. 9). Interessant ist auch der Vergleich von Wohnort der verstorbenen Spender und Zahl der Organspenden bezogen auf eine standardisierte Bevölkerung: Pro Landkreis gibt es Unterschiede, die nicht durch Einstellung und Wertvorstellung der Einwohner bedingt sind sondern durch die Qualität der medizinischen Versorgung. Dies umfasst Rettungswesen, Primärversorgung im Krankenhaus Wohnort nah sowie dann gegebenenfalls eingeleitete Weiterbehandlung in einem Schwerpunktzentrum (s. Abb. 10).

Die Gründe für die Diskrepanz zwischen der für ein hoch entwickeltes Land möglichen und tatsächlichen Zahl von gespendeten Organe sind (s.o., u. Abschnitt 3.3 [39]):

Engpässe beim ärztlichen und pflegerischen Personal in Intensivstationen und Operationsabteilungen,
Unwissenheit durch mangelhafte Information bei Laien, Ärzten und Pflegekräften sowie Fehlinformation und Verunsicherung in Sensationspresse und Unterhaltungsmedien,
rationale und irrationale Ängste vor dem Tod bzw. verdrängten Lebensende,
fehlendes Vertrauen in Medizin und Ängste vor suboptimaler Intensivtherapie bzw. Hirntodfeststellung,
Berührungsängste und psychologische Schwierigkeiten bei Pflegekräften und Ärzten in der Betreuung von hirntoten Patienten und ihren Angehörigen sowie in Einzelfällen fehlendes Interesse, Kostenbewusstsein und Engagement über den üblichen Klinikbetrieb hinaus,
Bedenken hinsichtlich kommerzieller Interessen bei der Organtransplantation.

Eine Abhilfe für diese Mängel wäre:

Beseitigung der Versorgungsengpässe im Intensiv- und Operationsbereich,

konsequente Information und Aufklärung der Öffentlichkeit, fest etablierte Fortbildungs- und Schulungsprogramme für Pflegekräfte und Ärzte hinsichtlich Organspende und dem Umgang mit hirntoten Patienten sowie deren Angehörigen, und ein konsequentes Vorgehen gegenüber Fehlinformationen in den Medien,

Beachten der humanen Werte in der Medizin im Umgang mit Patienten und Angehörigen einschließlich der Kooperationsbereitschaft aufgrund der Verpflichtung durch den Beruf in der Ärzteschaft und Krankenpflege mit Absage an kommerziellen Interessen,

Qualitätssicherung der Intensivtherapie, Untersuchungen zur Feststellung des Hirntodes, Organspende und Transplantation für alle Krankenhäuser unabhängig von der Trägerschaft.

Die rechtlichen Grundlage hat das Transplantationsgesetz geschaffen. Ähnlich den Wertvorstellungen anderer Länder wird sowohl die Notwendigkeit der Lebensrettung von schwerst kranken hilfsbedürftigen Mitmenschen als auch Wahrung der Pietät und postmortalen Würde sowie Rechte eines Mitmenschen berücksichtigt, der nicht mehr leben aber ein Organ spenden kann. Im Einklang mit dem Grundgesetz wurde das Selbstbestimmungsrecht eines Jeden beachtet. Mit dem Recht der Angehörigen basierend auf einer mutmaßlich getroffenen Entscheidung sich für oder gegen eine Organspende auszusprechen, wenn keine Selbstentscheidung des Verstorbenen bekannt ist, wurde der Grundwert der Familie als Integrationträger unserer Gesellschaft gestärkt. Es wurde festgelegt, dass es ärztliche Aufgabe ist, die Wahrnehmung dieses Entscheidungsrechts zu sichern.

 

Abbildung 9: Meldungen möglicher Organspender aus den Krankenhäusern der Region Tübingen - Stuttgart von 1992 bis 1998. Gliederung nach Bettenanzahl und Infrastruktur zur Untersuchung von Patienten mit zerebralen Schäden (Computertomographie vor 1991 angeschafft: c bzw. nach 1991 *) und Behandlung (Neurochirurgie vor 1991 etabliert: nc bzw. nach 1991: #) sowie Transplantation im Haus (TX)

 

 

 

Abbildung 10: Organspenden pro Landkreis bezogen auf den Wohnort der Verstorbenen umgerechnet auf eine Million Einwohner pro Jahr (1992-1998): Dunkel Organspende in Krankenhaus im Landkreis des Wohnorts des Verstorbenen, hell Organspende in Krankenhaus außerhalb vom Landkreis des Wohnorts des Verstorbenen. Landkreise mit Neurochirurgie ## bzw. falls nach 1991 etabliert (#).

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

Abbildung 11: Entwicklung der Nierentransplantation und Warteliste bei Eurotransplant

Auf der folgenden Seite finden sie Literaturhinweise

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Copyright © 2000 Organspende und Transplantation
Stand: 11. September 2004

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